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Max Bondy
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Max Bondy (* 11. Mai 1892 in Hamburg; † 13. April 1951 in Boston, Massachusetts) war ein deutscher ReformpĂ€dagoge jĂŒdischer Herkunft und ein GrĂŒnder von Landerziehungsheimen. Nach Zwangsenteignung und Flucht vor der nationalsozialistischen deutschen Diktatur 1937 emigrierte er zuerst nach Gland am Genfersee (Schweiz), dann 1939 in die USA und wurde US-amerikanischer StaatsbĂŒrger.

Contents

‱ Kritik
‱ Werke
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Kindheit und Jugend

Max Bondy wurde als Sohn einer assimilierten jĂŒdischen Kaufmannsfamilie geboren. Seine Eltern waren der 1888 von Prag nach Hamburg gekommene und 1902 in den hamburgischen Staatsverband aufgenommene Salomon Bondy (* 18. Mai 1856, † 4. September 1932; er nannte sich spĂ€ter Siegfried) und dessen Ehefrau Mary, geborene Lauer, die neben Max noch vier weitere Kinder hatten: Nelly (* 1893), die Zwillinge Curt Werner Bondy und Walter Karl Bondy (* 1894) sowie Herbert Fritz Bondy (1902–1972). Walter Karl Bondy fiel 1916 im Ersten Weltkrieg in SiebenbĂŒrgen.cite-ref-1[1]

Max Bondy besuchte in Hamburg das Wilhelm-Gymnasium bis zum Abitur 1910. Im Wintersemester 1910/11 studierte er „Rechte und Nationalökonomie“ in MĂŒnchen, belegte aber schon zahlreiche Veranstaltungen in Philosophie und Kunstgeschichte. 1911 war er offiziell fĂŒr kunstgeschichtliche Studienzwecke nach Italien beurlaubt. Im Wintersemester 1912/13 studierte er in Freiburg Geschichte und Kunstgeschichte. In Freiburg kam er erstmals mit der Jugendbewegung in Kontakt und wurde schließlich zu einem fĂŒhrenden Mitglied der Deutschen Akademischen Freischar (DAF). Im Sommersemester 1914 studierte er in Göttingen Geschichte und Germanistik. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrach das Studium. Max Bondy meldete sich auf dem Hintergrund seiner deutsch-nationalen Grundeinstellung sofort als Freiwilliger. Er blieb Soldat bis zur Novemberrevolution 1918, zuletzt als Offizier der Artillerie. Sein Studium beendete er 1919 in Erlangen mit einer Promotion in Kunstgeschichte. Das Thema seiner Dissertation lautete: „Baiersdorf. Eine kunstgeschichtliche Untersuchung.“

Erste SchulgrĂŒndung

Zusammen mit Ernst Putz, SchĂŒler von Martin Luserke aus der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, grĂŒndete er 1920 auf dem Sinntalhof in BrĂŒckenau erstmals eine Schule, die Freie Schul- und Werkgemeinschaft Sinntalhof.cite-ref-2[2] Dieses Schulprojekt, an dem unter anderem auch Hedda Korsch unterrichtete, scheiterte wegen unĂŒberbrĂŒckbarer Differenzen zwischen den beiden Partnern um die Leitungsfunktion.cite-ref-3[3]

SchulgrĂŒndungen zusammen mit Gertrud Bondy

Die SchulgrĂŒndungen von Max und Gertrud Bondy stehen in der Tradition der deutschen ReformpĂ€dagogik.

1923 ging Max Bondy mit einem Teil der SchĂŒler und Mitarbeiter der Freien Schul- und Werkgemeinschaft Sinntalhof nach Gandersheim in Niedersachsen. In Zusammenarbeit mit seiner Frau Gertrud Bondy, geb. Wiener (* 7. Oktober 1889 in Prag; † 30. April 1977 in Detroit), mit der er seit 1916 verheiratet war, formte er dort die Schulgemeinde Gandersheim.

Gertrud Bondy war ihrem Mann Ă€hnlich und doch „ganz anders“.cite-ref-4[4] Sie war in Prag und Wien aufgewachsen, den Hochburgen moderner Kunst und Kultur des Fin de siĂšcle, und stammte aus einer sehr kultivierten und hochgebildeten Familie. UrsprĂŒnglich wollte sie Konzertpianistin werden, doch unter dem Eindruck von Erlebnissen im Ersten Weltkrieg entschloss sie sich zum Studium der Medizin und absolvierte zusĂ€tzlich eine Ausbildung als Psychoanalytikerin, bei der sie Sigmund Freud und Anna Freud noch persönlich kennenlernte. Diese Voraussetzungen prĂ€destinierten sie in besonderer Weise dazu, das Konzept der Schulgemeinde mitzugestalten und ihr ein an der psychoanalytischen PĂ€dagogik orientiertes Profil zu geben. „Ihr pĂ€dagogisches Ziel war, den jungen Menschen stĂŒtzend zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden, ohne AnsprĂŒche an sie zu stellen, die ihrem Wesen nicht entsprachen.“cite-ref-5[5]

Die Schulgemeinde Gandersheim zog 1929 nach Marienau um, wo sie sich Schulgemeinde auf Gut Marienau nannte. An beiden Einrichtungen unterrichtete von 1924 bis 1930 auch Alfred Ehrhardt, der 1928/29 vom Schuldienst befreit war, um am Bauhaus Dessau zu studieren.

Die Schulgemeinde auf Gut Marienau firmiert heute als Schule Marienau.

Die Zeit des Nationalsozialismus

Folgt man Barbara Kersken, dann war Max Bondy in den Jahren 1931/1932 von einer Ahnung kommender harter Zeiten erfĂŒllt.

„Wohl zu Recht diagnostiziert MAX BONDY in seiner Ansprache zum Sommerfest 1931, dass man ‚einem ganz harten Leben‘ entgegengehe und dass jetzt die ‚Zeiten liberal individueller SelbstĂ€ndigkeit vorbei‘ seien. Er vermutet – fast prophetisch – eine zunehmende ‚VerstĂ€rkung der Staatsmacht und des Staatsgedankens‘, mit der eine ‚uniformierende Wirkung auf allen Gebieten des menschlichen Lebens‘ einhergehe. Diese EinschĂ€tzung der politischen Situation, die auch schon die nicht wĂŒnschbaren Potentiale einer fast zwangslĂ€ufigen Entwicklung im Blick hat, stĂŒrzt MAX BONDY in eine fast verzweifelte Ratlosigkeit, die er ganz offen eingesteht, weil sie ‚an das Fundament gerade unserer besonderen Erziehungsart‘ heranreiche.“cite-ref-6[6]

Kersken zitiert ausfĂŒhrlich aus Morgenandachten und Chroniken, attestiert Bondy eine „fast seismographische[.] Wahrnehmung einer politischen Zeitenwende“cite-ref-7[7] und sieht ihn „an der Schwelle zum nationalsozialistischen Staat, noch fest ĂŒberzeugt, seine SchĂŒler gegen diese aus seiner Sicht negativen Entwicklungstendenzen mobilisieren zu können. Auch glaubt er, dass er ihr Bewusstsein dafĂŒr schĂ€rfen kann, dass sie eine â€šĂŒber ihre Person herausgehende Mission haben. Sie mĂŒssen einer Zeit, die alles relativiert hat, und die schließlich auch das Menschliche als nebensĂ€chlich relativiert hat, zeigen, dass es ein Unbedingtes, ein Absolutes gibt und geben muss: eben gĂŒltige Menschlichkeit‘.“cite-ref-8[8]

Doch in diesen Zeiten angeblicher Ratlosigkeit gibt es auch Äußerungen Bondys, die eine gefĂ€hrliche, ihm möglicherweise selber nicht bewusste, NĂ€he zu völkischem Denken aufzeigen. Im MĂ€rz 1932 referierte er in einer Morgenansprache:

„Ich habe mich bei Kriegsausbruch als Kriegsfreiwilliger gemeldet und war bis zum Schluß des Krieges im Felde. Diese Zeit, in der mir der Begriff â€șVolkâ€č als Schicksalsgemeinschaft ganz lebendig wurde, in der – zuerst wenigstens – alle sozialen Unterschiede im Dienste der großen gemeinsamen Aufgabe nebensĂ€chlich wurden, brachte mir den stĂ€rksten Eindruck meines Lebens.“cite-ref-9[9]

Diesen „stĂ€rksten Eindruck seines Lebens“ ĂŒbertrug Bondy noch in der gleichen Ansprache auf den Alltag der Schulgemeinde und propagierte den Dienst in der schulischen Gemeinschaft als EinĂŒbung fĂŒr den Dienst in einer grĂ¶ĂŸeren Gemeinschaft:

„Nur der, fĂŒr den eine kleine Gemeinschaft wirkliches Erlebnis geworden ist, wird Worte wie â€șVolk, Nation, Vaterlandâ€č nicht als Phrase im Munde fĂŒhren, sondern als eine Aufgabe empfinden, in deren Dienst er ĂŒber sein privates Ich hinausgehoben wird.“cite-ref-10[10]

Ein frĂŒherer SchĂŒler Bondys erblickte in Bondys Gedanken eine fast bis zur Übertreibung getriebene Fetischisierung der Gemeinschaft.cite-ref-11[11] Kersken dagegen sieht in dieser Kritik eine extreme Auslegung Bondys, weil seine derartigen Überlegungen „wohl nur als politisch notwendige Anpassungsleistung fĂŒr einen begrenzten Zeitraum [zutreffen], somit also [
] nicht verabsolutiert werden dĂŒrfen“.cite-ref-12[12] Kappeler hĂ€lt dem entgegen: „Es ist geradezu tragisch, dass sein Denken und seine Sprache ihn nach 1918 den â€șVölkischenâ€č gegenĂŒber immer mehr annĂ€herte, die er doch zunĂ€chst als ungebildete, den Kriterien des â€șdeutsch-adlige Wesensâ€č nicht genĂŒgende Menschen abgelehnt hatte.“cite-ref-13[13] Kappeler erkennt eine aus der Jugendbewegung kommende Blindheit gegenĂŒber der nationalsozialistischen Programmatik, die dazu fĂŒhrte, dass Bondys Reden „in manchen Passagen wie eine Kritik an den Nationalsozialisten [klingen], in anderen Passagen wieder wie Zustimmung“.cite-ref-14[14] Wenn Kersken, wie schon zitiert, bei Bondy eine „fast seismographische Wahrnehmung einer politischen Zeitenwende“ erkennt, dann bekommt das vor dem Hintergrund einer Morgenandacht aus dem Januar 1933 eine völlig andere Bedeutung:

„Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch noch sagen, daß wohl nicht der geringste Grund fĂŒr die BefĂŒrchtung besteht, daß bei dieser Erziehung zur Menschlichkeit nicht der gleiche Wille, fĂŒr Deutschland einzutreten vorhanden sein wird, der uns 1914 zu Kriegsfreiwilligen gemacht hat. Ich bin ĂŒberzeugt, daß kein Alt-Marienauer zurĂŒckstehen wird, wenn eine Ă€hnliche Situation wie 1914 entstehen sollte.“cite-ref-kappeler-99-15-0[15]

Am Ende dieses Monats, in dem Bondy seine zuvor zitierte Morgenandacht gehalten hatte, fand Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler statt. Max Bondy reagierte darauf am 3. Mai 1933 mit einer Rede „Marienau und der Nationalsozialismus“, aus der auch Kersken sehr ausfĂŒhrlich zitiert. Darin heißt es unter anderem:

„Die Neuordnung der Dinge kann uns daher nur folgende Frage stellen: Stimmt das, was der jetzige Staat will im Wesentlichen mit dem Wesentlichen unserer bisherigen Erziehungsarbeit ĂŒberein, können wir etwa notwendig werdende Änderungen vornehmen, ohne uns im Innersten untreu zu werden? Wenn wir diese Frage nicht bejahen können, dann bleibt nichts andere ĂŒbrig, als das Heim aufzulösen. Ich glaube jedoch, dass, wenn ich das Wollen der Regierung richtig verstehe, eine Umstellung an den Punkten, die die entscheidenden zu sein scheinen, nicht zu erfolgen braucht, ja dass unsere bisherige Erziehung zum Teil das schon vorausgenommen hat, was die Regierung heute verlangt.“cite-ref-16[16]

Zu dem, was in Marienau schon vorweggenommen wurde, zĂ€hlt Bondy die Gleichwertigkeit von intellektueller Bildung und körperlicher ErtĂŒchtigung, wobei letztere nun ergĂ€nzt worden sei durch „Kriegsspiele, GelĂ€ndespiele, Schwimmen, Leichtathletik usw. Wenn wir bei uns jetzt als Neuerung den Wehrsport einfĂŒhren, so bedeutet das keine grundsĂ€tzliche Änderung, sondern nur eine ErgĂ€nzung unserer körperlichen Ausbildung. Im Zusammenhang damit sind auch die Appells etwas verĂ€ndert worden. Sie finden nicht mehr in der bisherigen Weise statt, sondern in strafferer, dem MilitĂ€rischen angeglichenen Form.“cite-ref-kersken-42-17-0[17] Kersken kommt nicht umhin, festzustellen, dass die „speziellen Anforderungen beim GelĂ€ndesport [
] unĂŒbersehbar paramilitĂ€rischen Charakter“ gehabt haben, begnĂŒgt sich aber ansonsten damit, es als „eine auch aus heutiger Sicht noch immer provokante Fragestellung“ zu finden, ob die Landerziehungsheime, insbesondere Marienau, eine Antizipation des Nationalsozialismus betrieben hĂ€tten.cite-ref-kersken-42-17-1[17]

FĂŒr Kappeler liegt es dagegen in der Konsequenz von Bondys Denken, dass er den Nationalsozialismus begrĂŒĂŸte und die KompatibilitĂ€t der Theorie und Praxis seiner ReformpĂ€dagogik mit den Erziehungsvorstellungen des NS-Staates in allen Punkten bejahte.cite-ref-kappeler-99-15-1[15] Ähnlich wie Kersken weist auch Kappeler darauf hin, dass Bondy nur eine einschneidende VerĂ€nderung wahrhaben wollte, nĂ€mlich die Politisierung der Schule, die frĂŒher bewusst vermieden worden sei. „Aber da es inzwischen keine politischen Parteien mehr gebe, falle somit auch die frĂŒher notwendige ZurĂŒckhaltung fort: â€șSo gehört ein Teil der Lehrer der S.A. an, die Hitlerjugend hat immer mehr Mitglieder bei uns, ihr Wachstum wird unterstĂŒtzt.â€č“ Und so muss auch Kersken einrĂ€umen, dass es fĂŒr Max Bondy „auf der rein pĂ€dagogischen Ebene keinerlei Ansatzpunkte fĂŒr prinzipielle Auseinandersetzungen oder einen potentiellen Dissens mit den neuen Machthabern“ gegeben zu haben scheint.cite-ref-kersken-42-17-2[17] Doch es greift zu kurz, den fehlenden „Dissens mit den neuen Machthabern“ nur auf der pĂ€dagogischen Ebene zu verorten und damit Bondys fehlende politische Distanz zum NS-Staat auszublenden. Zu sehr erinnert dies an ein Zitat aus Theodor W. Adornos Minima Moralia: „Der vage Ausdruck erlaubt dem, der ihn vernimmt, das ungefĂ€hr sich vorzustellen, was ihm genehm ist und was er ohnehin meint.“cite-ref-18[18]

Manfred Kappeler schließt aus, dass Max Bondy „in vorauseilendem Gehorsam sich wie ein gewievter â€șWendehalsâ€č bei den Nazis anbiedern wollte“, stellt aber gleichwohl die Frage, „wie seine Zustimmung, sein Glauben an die â€șSendungâ€č der Nazis, mit der von ihm immer wieder betonten â€șGeformtheitâ€č und dem â€șadligen Stilâ€č des Freideutschen Menschen, den er fĂŒr sich in Anspruch nahm und von anderen forderte, zusammenzubringen ist“.cite-ref-kappeler-100-101-19-0[19] Kappeler unterstellt, dass Bondy wie viele andere mit Ă€hnlichen Biographien wie er auch die Möglichkeit gehabt hĂ€tte, die politischen VerhĂ€ltnisse und deren Entwicklung anders zu sehen, zu beurteilen und entsprechend zu handeln. Davon legen alleine schon die vielen aus der Jugendbewegung und der ReformpĂ€dagogik kommenden PĂ€dagogen Zeugnis ab, die gleich nach Hitlers Machtantritt ihre Schulen ins Exil verlegten. Auch Kersken weist auf die frĂŒhen Emigranten hin, rekurriert dann aber wieder auf einen aus dem Fronterlebnis im Ersten Weltkrieg gespeisten Zeitgeist, dem Bondy verhaftet gewesen sei, und das in zweifacher Weise: Die Idee von der â€șVolksgemeinschaft des SchĂŒtzengrabensâ€č sei ihm immer Vorbild fĂŒr den zu schaffenden Staat der Zukunft gewesen, und nach Hitlers Machtantritt sei sein FrontkĂ€mpferstatus fĂŒr ihn zu einem Beleg fĂŒr seine absolute nationale ZuverlĂ€ssigkeit und IntegritĂ€t gegenĂŒber der nationalsozialistischen Regierung geworden.cite-ref-20[20] Doch Kappeler lehnt es im Falle Bondys ab, von einem Automatismus zwischen Zeitgeist und persönlicher Entscheidung auszugehen, da eine „solche Annahme [
] die Dimension der persönlichen Verantwortung fĂŒr das eigene Denken, Sprechen und Handeln negieren wĂŒrde“. Nach ihm hĂ€tte Bondy anders handeln können. „Aber er wollte es nicht. Ein â€șer konnte es nichtâ€č wĂŒrde bedeuten, ihm gerade das abzusprechen, was er immer als Erziehungsziel propagiert hat, â€șden Dingen auf den Grund gehen, sich nichts vormachen und sich nichts vormachen lassenâ€č und ihm die Verantwortlichkeit fĂŒr das eigene Sprechen und damit fĂŒr das eigene Handeln nicht zuzutrauen.“cite-ref-kappeler-100-101-19-1[19]

Die erzwungene Emigration

Es ist zu vermuten, dass Max Bondys FrontkĂ€mpferprivileg ihn in einer gewissen Sicherheit wiegte und ihm auch fĂŒr einige Zeit tatsĂ€chlich Schutz vor direkten Verfolgungen durch den NS-Staat gewĂ€hrte. Dennoch verweist Kersken schon auf frĂŒhe Überlegungen in Richtung Emigration, die aber wesentlich Gertrud Bondy zuzuschreiben sind, die ĂŒber eine realistischere EinschĂ€tzung zum Nationalsozialismus verfĂŒgte.

„GERTRUD BONDY war durch das Milieu ihrer Herkunft die ‚weltlĂ€ufigere‘ von beiden, sie bewegte sich in ihrem Denken eher in internationalen Kategorien, sie sprach – im Unterschied zu ihrem Mann – allein sechs Sprachen fließend: Deutsch, Tschechisch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. MAX BONDY bewegte sich in seinem durch die Jugendbewegung geprĂ€gten Denken damals vorzugsweise in ‚nationalem‘ Rahmen: Zentrum auch seiner GefĂŒhlswelt war Deutschland, die deutsche Kultur, die deutsche Sprache. Und vermutlich war fĂŒr ihn allein schon der Gedanke, irgendwann einmal Deutschland verlassen zu mĂŒssen, eine geradezu traumatisch besetzte Vorstellung.“cite-ref-21[21]

Kerskens legt nahe, dass diese GefĂŒhlswelt der Hintergrund fĂŒr Max Bondys „heute fast schon krampfhaft erscheinenden Versuche eines Arrangements mit den neuen Machthabern“ gewesen sein mögen. Ob diese Versuche deshalb auch zu relativieren sind, wie sie formuliert, scheint angesichts seiner oben zitierten vielfĂ€ltigen Übereinstimmungen mit den Nationalsozialisten aber mehr als fraglich. Jedenfalls aber obsiegte ab 1934 wohl doch eine „Doppelstrategie von politischer Anpassung und Wiederaufnahme der EmigrationsplĂ€ne“.cite-ref-22[22] Ob es zu letzteren „auch bei MAX BONDY konkrete Ă€ußere AnstĂ¶ĂŸe gegeben hat“, vermag auch Kersken nicht zu sagen.cite-ref-kersken-52-53-23-0[23] Es dĂŒrfte aber sicher sein, dass die PlĂ€ne zur Emigration vor allem von Gertrud Bondy vorangetrieben wurden, wie Eva Michaelis-Sterns Erinnerungen es nahelegen.

„Gertrud war viel realistischer. Ich erinnere mich, daß sie – als sie einmal in Berlin bei mir zu Besuch war, wĂ€hrend der Hitlerzeit – sagte: ‚Wenn Max sich nicht zur Auswanderung entschließen kann, nehme ich die drei Kinder und gehe mit ihnen allein ins Ausland.‘ Und ich hatte den Eindruck, daß dieser Entschluß bei ihr bereits feststand. Ich nehme an, daß sie innerlich davon ĂŒberzeugt war, daß er ihr ĂŒber kurz oder lang folgen wĂŒrde.“cite-ref-stern-23-24-0[24]

Vermutlich ab 1934 korrespondierte Max Bondy mit dem inzwischen in der Schweiz lebenden Paul Geheeb und dessen Frau Edith ĂŒber EmigrationsplĂ€ne in die Schweiz. Dabei kam Bondy auch schon auf Gland zu sprechen, wo er spĂ€ter seine erste Exilschule, Les Rayons, eröffnete.cite-ref-kersken-52-53-23-1[23] Im September 1935 unternahm dann das Ehepaar Bondy zwecks weiterer Erkundungen eine als Erholungsreise getarnte Fahrt in die Schweiz. Parallel dazu waren auch schon AktivitĂ€ten gestartet worden, um einen potentiellen Nachfolger fĂŒr Max Bondy in Marienau zu finden. Eine um die Jahreswende 1935/1936 scheinbar bevorstehende Übersiedelung in die Schweiz hat sich dann aber noch nicht realisieren lassen.cite-ref-kersken-54-55-25-0[25] Stattdessen geriet 1936 Marienau und mit ihm Max Bondy verschĂ€rft ins Visier der Nationalsozialisten. Ein Gestapo-Bericht vom 6. Juli 1936 befasst sich sehr ausfĂŒhrlich mit der in der nĂ€heren Umgebung bereits als Judenschule verrufenen Anstalt. Örtliche Parteikreise nahmen daran Anstoß, „dass Bondy an den Flaggenparaden teilnimmt und den deutschen Gruß erweist. FĂŒr die Lehrerschaft sind durch ihre Stellung im Internat innere Konflikte entstanden, weil sie einerseits die ihnen zufallenden erzieherischen Aufgaben im nationalsozialistischen Staat zu erfĂŒllen haben, sich aber andererseits durch die Aufsicht des jĂŒdischen Internatsleiters daran gehindert sehen. Ein Zwiespalt ist auch dadurch entstanden, dass die SA das Internat als jĂŒdisches Unternehmen bezeichnet und daher den Lehrern verboten hat, innerhalb des Schulbetriebes Parteiabzeichen zu tragen.“cite-ref-26[26]

Es gibt keine Äußerungen Bondys ĂŒber die seit 1933 zunehmenden Ausgrenzungen von Juden, auch nicht darĂŒber, ob er sich davon bedroht gefĂŒhlt hat. Eva Michaelis-Stern spricht im Hinblick auf Bondys VerhĂ€ltnis zur Judenproblematik von „einer gewissen Vogel-Straß-Politik“: „Seine nichtarische Abstammung hat ihn nie interessiert, von Judentum und jĂŒdischer Kultur wußte er nichts. [
] Max hatte gehofft, eine kulturelle FĂŒhrerschicht fĂŒr Deutschland heranzuziehen, und er konnte sich nicht vorstellen, daß er, der fĂŒr Deutschland gekĂ€mpft hatte, ausgestoßen werden könnte.“cite-ref-stern-23-24-1[24] 1936 wurde er nun gezwungen, sich auf seine jĂŒdische Herkunft zu besinnen, denn diese ist der zentrale Vorwurf in dem Gestapo-Bericht.

„Weder MAX BONDYS deutsch-nationale Einstellung noch die Tatsache, fĂŒr Deutschland im Ersten Weltkrieg gekĂ€mpft zu haben, lassen es als gerechtfertigt und auch nur als naheliegend erscheinen, dass er sich weiterhin in seiner Selbstwahrnehmung als Deutscher empfinden wird. Ihm wird das Bewusstsein der – fĂŒr ihn ja absolut bedeutungslosen – jĂŒdischen Herkunft als eigentliches und verbindliches IdentitĂ€tskriterium zwangsweise ĂŒbergestĂŒlpt, um dann aus genau dieser Tatsache einen Vorwurf abzuleiten – ein Teufelskreis.“cite-ref-27[27]

Kerskens merkt an, dass vor diesem Hintergrund die anderen VorwĂŒrfe aus dem Gestapo-Bericht wie NebenschauplĂ€tze der Kritik erscheinen, eben auch die, die Bondys pĂ€dagogischen Ansatz betreffen. Dies nimmt Kappeler zum Anlass, der Legendenbildung entgegenzutreten, Max Bondy sei als ReformpĂ€dagoge aus Deutschland verdrĂ€ngt worden.

„Max Bondy wurde nicht wegen seiner PĂ€dagogik von den Nazis aus dem Land getrieben. Die kann man – bei genauerer und kritischer Befassung mit ihren Inhalten – nicht als â€șhumanâ€č bezeichnen. Sie stimmte – im Gegenteil – mit der NS-PĂ€dagogik weitgehend ĂŒberein. Der NS-Staat wollte jedoch keinen von ihm als â€șrassisch minderwertigâ€č, als â€șjĂŒdischstĂ€mmigâ€č definierten PĂ€dagogen als Schulleiter dulden, der unter den von ihm eingefĂŒhrten â€șArierparagraphenâ€č fiel.“cite-ref-28[28]

Kersken bestĂ€tigt das indirekt, wenn sie abschließend aus dem Gestapo-Bericht zitiert, dass „eine nationalsozialistische Erziehung der SchĂŒler mit der jĂŒdischen Leitung nicht vereinbar sei“, und dieser Standpunkt sei vor allem von der Lehrerschaft vertreten worden.cite-ref-29[29]

Anfang Juli 1936 hatte Max Bondy George Roeper, seinem spĂ€teren Schwiegersohn, einen Verkaufsvorschlag fĂŒr Marienau unterbreitet. Dieser Vertrag kam aus unbekannten GrĂŒnden nicht zustande. Unklar ist auch, ob sich Gertrud Bondy zu diesem Zeitpunkt noch in Marienau aufhielt, denn diese ging definitiv 1936 zusammen mit den beiden jĂŒngeren Kindern nach Gland, offiziell, um dort die Schule Les Rayons zu reorganisieren. Max Bondy und seine Ă€lteste Tochter Annemarie blieben vorerst in Marienau zurĂŒck.cite-ref-kesken-auf-hbo-30-0[30] Ende 1936 erfolgte dann die staatliche AnkĂŒndigung, dass die Schule nur noch bis zum 1. April 1937 von Bondy weitergefĂŒhrt werden dĂŒrfe.cite-ref-kersken-61-31-0[31]

Nach Kersken hat Max Bondy Ende 1936 zu dem damaligen Leiter des Landheims Schondorf, Ernst Reisinger, Kontakt aufgenommen, um die Nachfolgefrage fĂŒr Marienau voranzutreiben.cite-ref-kersken-61-31-1[31] Weshalb Schondorf und weshalb Reisinger, lĂ€sst Kersken offen, doch auf Empfehlung von Reisinger ĂŒbernimmt schließlich der Schondorfer Lehrer Bernhard Knoop zum 2. April 1937 die Schule Marienaucite-ref-kesken-auf-hbo-30-1[30] und sichert damit deren Fortbestand. Knoop war der ehemalige Lehrer und, in erster Ehe, Schwager von Christoph Probst. Bondy sollte fĂŒr die Schulgemeinde Marienau 108.000 Mark erhalten, ein Zwangsgeld, das er jedoch nicht bekam. 58.000 Mark dienten der Zwangstilgung von Hypotheken und 50.000 Mark waren auf einem Sperrmark-Konto der Dresdner Bank vor dem Zugriff durch den jĂŒdischen EigentĂŒmer Bondy festgesetzt.

Am 5. April 1937 wandte sich Knoop in einem Brief an die Eltern und verlangte, „dass es sich schon nach wenigen Wochen zeigen mĂŒsse, ob ein neuer Geist in Marienau eingezogen sei“ und dass „der in jeder Weise vernachlĂ€ssigte Betrieb wieder geordnet und gestrafft, die Gesamterziehung nach dem Wollen des FĂŒhrers und im Sinne der Gedanken von Hermann Lietz in engster FĂŒhlungnahme mit dem Landerziehungsheim Schondorf am Ammersee zielbewusst ausgerichtet werden“ mĂŒsse.cite-ref-32[32] Wenn Kersken in dem Zusammenhang meint, dass Koop damit â€žĂŒber das politisch unbedingt erforderliche Maß“ (ebendort) hinausgegangen sei, muss sie sich allerdings fragen lassen, ob sie angesichts der Bondyschen Treuebekundungen zum NS-Staat nicht mit zweierlei Maß misst. Und kaum nachvollziehbar ist auch ihre EinschĂ€tzung, dass durch den Wechsel von Bondy zu Knoop „deutlich ein Übergang vom progressiven ‚linken‘ FlĂŒgel der Landerziehungsheime zum eher konservativen ‚rechten‘ FlĂŒgel“ stattgefunden habe.cite-ref-kesken-auf-hbo-30-2[30] Zutreffender ist es vielmehr, von einem Wechsel von einem jĂŒdischen deutsch-nationalen Leiter zu einem nicht-jĂŒdischen deutsch-nationalen Leiter zu sprechen.

Im Juni 1937 stattete Max Bondy letztmals Marienau einen Besuch ab, um sein Mobiliar abzuholen. Danach folgte er seiner Familie in die Schweiz.

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Hauptartikel

:

Les Rayons (Gland)

1939 setzten sie ihr Exil in den USA fort und grĂŒndeten zunĂ€chst in Windsor (Vermont) und dann in Lenox (Berkshire County) im Staate Massachusetts eine neue Schule.

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Hauptartikel

:

Windsor Mountain School

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versuchte Max Bondy, als Verfolgter des Nationalsozialismus sein ehemaliges Eigentum, die Schule in Marienau wieder zu erhalten, um sich der Reeducation der Deutschen zu widmen und Schule nach einer in der Emigration gereiften Idee der One-World-PĂ€dagogik auszurichten. Das wurde ihm aber verwehrt, weil er inzwischen die amerikanische StaatsbĂŒrgerschaft angenommen hatte und AuslĂ€nder zu dieser Zeit – 1947 – kein Eigentum in Deutschland erwerben durften. Verbittert ĂŒber diese Entscheidung erlebte er das Inkrafttreten der deutschen Gesetzgebung zur Wiedergutmachung nicht mehr. 1951 starb Max Bondy im Alter von 58 Jahren in Boston an LeukĂ€mie. Er wurde auf dem Mountain View Cemetery in Lenox beigesetzt.cite-ref-33[33]

Bernhard Knoop leitete Marienau bis zum Jahr 1969. Dass dies nicht ausschließlich eine Zeit der Finsternis war, muss auch Kersken anerkennen.

„Trotz seines eher patriarchalischen FĂŒhrungsstils wird in einem Gutachten von Minna Specht Anfang der 50er Jahre vor allem die gut funktionierende SchĂŒlerselbstverwaltung gelobt. Die GrĂŒndung eines gemeinnĂŒtzigen Schulvereins (1956) bereitet den stufenweisen Übergang des Privatbesitzes Marienau in die Verantwortung eines TrĂ€gervereins vor. Neben den zahlreichen musischen und schulischen AktivitĂ€ten auf hohem Niveau (‚Musische Woche‘ / ‚Naturwissenschaftliche Woche‘) ist die Knoop-Ära zunehmend eine Phase auch der reflexiven Selbstbesinnung auf die eigentliche Funktion der Landerziehungsheime im zeitgenössischen Kontext: In der spezifischen Struktur dieser Schulen sieht Knoop eine besondere Chance fĂŒr eine Erziehung zu demokratischem Verhalten und politischem Engagement, also eine Erziehung zu öffentlichen Tugenden.“cite-ref-kesken-auf-hbo-30-3[30]

Auf Knoop folgt GĂŒnter Fischer, bevor 1986 Wolf-Dieter Hasenclever die Schulleitung ĂŒbernahm. Unter ihm, einem GrĂŒndungsmitglied der baden-wĂŒrttembergischen GrĂŒnen, begann die Aufarbeitung der Vergangenheit. 1989 entstand ein Archiv, das in dem neugebauten Bondy-Haus eingerichtet wurde. Mit der Hinwendung zum „Ökologischen Humanismus“,cite-ref-34[34] mit deutsch-israelischen Austauschprogrammen und einer ökologischen Aufbruchbewegung der schulischen Jugend wurden Ideen zur „zeitgemĂ€ĂŸe[n] Fortsetzung der ReformpĂ€dagogik in der Marienauer Tradition“ begrĂŒndet.cite-ref-kesken-auf-hbo-30-4[30]

Kritik

Ehrenhard Skiera meint, die ReformpĂ€dagogik habe „als die eigentliche, die gute oder sogar die beste PĂ€dagogik“ gegolten und man habe die „doch kritischen Momente unterdrĂŒckt, die irrationalen, ja, man kann fast sagen, die antihumanistischen Momente, die in der ReformpĂ€dagogik auch drin stecken, die hat man schlichtweg negiert, uminterpretiert oder irgendwie verharmlost; oder was man heute auch noch antrifft: Man lĂ€sst sie einfach unter den Tisch fallen.“cite-ref-35[35] In diesem Sinne entwarf JĂŒrgen Oelkers ein deutlich kritischeres Bild dieser „eigentlichen PĂ€dagogik“: „Die deutsche ReformpĂ€dagogik vor dem Ersten Weltkrieg ist in weiten Teilen ein konzeptionelles Gemisch aus Platonismus, Lebensreform und reaktionĂ€rer Gesellschaftstheorie. Die ‚neue Erziehung‘ war gekoppelt an eine Erlösungsrhetorik, die stĂ€ndig einen pĂ€dagogischen Eros beschwor, der die alternative Praxis bestimmen sollte. Theosophie und Anthroposophie zogen die Sucher der ‚neuen Erziehung‘ an, die sich dann mit dem ‚Geist‘ der Elitenbildung umhĂŒllen konnten. Demokratie war nur bei den wenigen Sozialisten angesagt, die erst nach 1918 eigene Schulen grĂŒndeten und nach 1933 in Vergessenheit gerieten.“cite-ref-36[36] Teile dieser Kritik treffen auch auf Max Bondy zu.

Die Verschwisterung von Freischaridee und Reformschulidee

Wie oben schon erwĂ€hnt, kam Max Bondy wĂ€hrend seines Studiums in Freiburg mit der Jugendbewegung in Kontakt und engagierte sich in der Deutschen Akademischen Freischar. Dass er sich als Freiwilliger zum MilitĂ€rdienst gemeldet hatte, unterschied ihn nicht von den meisten mĂ€nnlichen Mitgliedern der deutschen Jugendbewegung, deren Kriegsbegeisterung oft einherging mit einer Kritik an der westlichen Kultur, von der behauptet wurde, sie befördere „einen negativen, egoistisch auf Genuss und Selbstbereicherung ausgerichteten Individualismus und gehe einher mit einer Tendenz zu OberflĂ€chlichkeit, Kulturverfall und Bindungslosigkeit. Dieser stellt man die tiefe, sittliche volksgemeinschaftlich eingebundene ‚Kultur‘ gegenĂŒber, die zum wesentlichen Merkmal der deutschen Nation erhoben wird.“cite-ref-37[37] FĂŒr viele studentische und intellektuelle Kriegsbegeisterte platzte im Verlaufe des Krieges der Traum der Volksgemeinschaft und einer damit einhergehenden sittlichen Erneuerung; viele wurden Pazifisten.

Bondy hielt als Offizier durch; von einer Desillusionierung durch den Krieg ist bei ihm nichts zu verspĂŒren. Eher sieht es danach aus, als ob er weiterhin dem Ideal einer „tiefen, sittlichen volksgemeinschaftlich eingebundenen Kultur“ verhaftet geblieben sei. 1916 beschrieb er in der Zeitschrift Freideutsche Jugend seine Vorstellung eines adeligen Wesens, das ĂŒber die Jugendbewegung hinaus prĂ€gend fĂŒr seine Erziehungsvorstellungen blieb und in dem sich ein ausgeprĂ€gtes „Elitebewußtsein junger Leute aus dem auch ökonomisch gut gestellten BildungsbĂŒrgertum“ manifestierte.

„Das war gerade das Besondere der besten Freideutschen VerbĂ€nde, das, was den Unterschied gegen jede andere Vereinigung ausmachte: sie konnten die oft tĂ€uschenden, in sich unklaren MaßstĂ€be, wie Geld, Rang, Rasse, die sonst in jeder nicht freideutschen, unfreideutschen Gemeinschaft ausschlaggebend sind, fallen lassen, weil ihnen der Sinn fĂŒr das Unbedingte, der Instinkt fĂŒr das Innerlichste, fĂŒr das Seelische, fĂŒr das Adlige vorhanden ist. Es ist das unbewußt Erziehliche bei den jĂŒngeren VerbĂ€nden, das bewußt Erziehliche bei den Ă€lteren, daß bei jeder Neu-Aufnahme das GefĂŒhl fĂŒr das wieder lebendig wird, was das Wesentliche am Menschen ist, was der adlige Teil seiner Seele ist.“cite-ref-38[38]

Manfred Kappeler meint in dem Zusammenhang, dass sich Max Bondy mit seiner Vorstellung vom Adel des Geistes – anders als sein Bruder Curt, der sich der Arbeiterjugendbewegung zuwandte – damit Vorstellungen „der liberal-konservativen oberen Mittelschicht“cite-ref-39[39] zu eigen gemacht habe und letztlich auch den Blick fĂŒr die gesellschaftliche RealitĂ€t verloren habe. In einem Aufsatz von 1919, wiederum fĂŒr die Freideutsche Jugend, postulierte Bondy: „Niemals wird das lebendige VerhĂ€ltnis der Menschen untereinander auf wirtschaftlicher Grundlage aufgebaut werden können. Niemals ist es bisher gelungen; alle bisherigen Versuche sind auf religiöser Grundlage gemacht worden. Selbst die tĂŒchtigen Menschen, die heute glauben, die Schuld an allem Unheil sei die verkehrte Wirtschaft, haben schon ihre wirkliche seelische Tiefe verschĂŒttet.“cite-ref-40[40] Er appellierte stattdessen an die starken KrĂ€fte im Individuum, deren Erweckung und Betonung alleine die Vereinzelung der Individuen ĂŒberwinden und zu menschlichen VerhĂ€ltnissen der Menschen untereinander fĂŒhren könnten.

Diese Erlösungsrhetorike (Oelkers, sie oben) war wohl ein wesentliches Fundament, auf dem die Freie Schul- und Werkgemeinschaft Sinntalhof aufbaute, und sie kulminierte 1922 in Bondys Text ĂŒber Das neue Weltbild in der Erziehung in dem es unter anderem hieß:

„Draußen wird gelĂ€rmt. Man redet, agitiert fĂŒr politische Systeme, â€șklĂ€rt aufâ€č, - stillos, ohne WĂŒrde. Die FĂŒhrenden MĂ€nner im heutigen Deutschland sind mit wenigen Ausnahmen eine Summe blinder, rechthaberischer Redner und Schreiber. Mehr als je ist heute das öffentliche Auftreten Streberei, Plebejerwerk, Stillosigkeit. - Wir mĂŒssen schweigend in unserer Art wirken, bewußt uns enthaltend von aller Betriebsamkeit, nicht aus SchwĂ€che oder asozialem Ästhetentum, sondern gerade aus Kraftbewußtsein, aus dem Willen nur die Tat zu bejahen, die uns als ein â€șNichtanderskönnenâ€č gleichsam als eine Offenbarung erscheint. Wir wissen: diese Tat ist fĂŒr uns die Arbeit am Menschen vom Rang. (
) Zur Tat werden wir erziehen und durch unser ZusammengehörigkeitsgefĂŒhl, durch unser Stilbewußtsein wird diese Tat Reinheit und Weihe, den Abglanz des Unbedingten erhalten. Das ist (
) die große deutsche Aufgabe der Gegenwart und Zukunft: Von ihrer Lösung wird es abhĂ€ngen, ob mit dem großen deutschen Weltreich alles zugrunde geht, oder ob das Wesentliche – jetzt nur keimhaft vorhanden – gerettet werden kann: eine Gemeinschaft mit gleichartigem StilgefĂŒhl, die den kommenden deutschen Menschen umfaßt.“cite-ref-41[41]

Angesichts der wirtschaftlichen und politischen Situation der Weimarer Republik im Jahre 1922 kann man dieses Zitat als Absage eines um sein StilgefĂŒhl besorgten BĂŒrgers an jegliches politisches Engagement lesen, als Politikverachtung gar, oder, wie Barbara Kersken, die frĂŒhere Leiterin des Archiv Schule Marienau, als „Verschwisterung von Freischaridee und Reformschulidee“,cite-ref-42[42] in deren Folge eine „Schule neuen Stils“ entstand, „die, wenn auch in kleinem bescheidenen Rahmen, tapfer und energisch zur Schaffung einer besseren menschlichen Gesellschaft“ beitrug.cite-ref-43[43] George Roeper meinte, Bondy habe keine Weltfremdheit gewollt, sondern ein „Bejahen der Gegenwart“, in jeder Hinsicht „Zeitgenossenschaft“.cite-ref-44[44]

Auch das Konzept einer Schulgemeinde als „Kulturschule“, „einer Gemeinschaft mit gleichartigem StilgefĂŒhl“, das Max Bondy in vielen seiner Morgensprachencite-ref-45[45] beschwor, bedeutet „ZusammengehörigkeitsgefĂŒhl“ jenseits des „LĂ€rms von draußen“. Laut Kappeler sei Bondys Kulturbegriff ein „Edelsubstantiv“, mit dem er wortreich operiere, ohne es mit Inhalt zu fĂŒllen.

In einer Morgenandacht vom 1. Oktober 1928 fĂŒhrte Bondy aus:

„Unsere Schule hier will bewusst eine Kulturschule sein. Sie will nicht nur Wissen vermitteln. Es gibt auch eine Kultur des Denkens. Der Wille, zu einer bestimmten Klarheit ĂŒber uns selbst zu kommen. Wenn es tatsĂ€chlich dahin kommt, dass es in Deutschland keine Schicht mehr gibt, die geistige AnsprĂŒche macht, die einen Kulturwillen hat, dann ist das viel schlimmer als der verlorene Krieg. Durch ihn hat Deutschland das Ă€ußere Ansehen, die Ă€ußere Macht verloren, wenn Deutschland aber seine Schicht mit Kulturwillen verliert, verliert es sich selber.“cite-ref-kersken-22-46-0[46]

Wer diese „Schicht mit Kulturwillen“ ist, bleibt zunĂ€chst unausgesprochen, doch 1932 postuliert er:

„Junge Menschen, die von uns kommen, mĂŒssen, insofern unsere Erziehung wirklich wirksam geworden ist, als Sauerteig wirken, in dem sie wieder Menschlichkeit in die politisierenden Massen hereinbringen.“cite-ref-kersken-22-46-1[46]

Es ist also diese kleine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die die Möglichkeit hatte, an Bondys Ziel „die Erneuerung der deutschen Gesellschaft durch die â€șneue Schuleâ€č“cite-ref-47[47] zu partizipieren, die sich den „politisierenden Massen“, den „blinden, rechthaberischen Rednern und Schreibern“, kurzum dem „Draußen, wo gelĂ€rmt, geredet, agitiert und aufgeklĂ€rt“ wird, entgegenstellen soll.

Werke

‱ Baiersdorf, eine kunstgeschichtliche Untersuchung. Erlangen 1923
‱ Das neue Weltbild in der Erziehung. Diederichs, Jena 1922
‱ „Ich muß mich dann immer damit beschĂ€ftigen, bis ich es Euch gesagt habe.“ Reden an junge Deutsche (1926–1947). Schule Marienau, Dahlem-Marienau 1998

Literatur

‱ Barbara Kersken: Gertrud und Max Bondy – Wegbereiter der modernen ErlebnispĂ€dagogik? Neubauer, LĂŒneburg 1991, ISBN 3-88456-086-7.
‱ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau. Die Geschichte einer verdrĂ€ngten PĂ€dagogik. Dahlem-Marienau 2012 (Selbstverlag)
‱ Oswald Graf zu MĂŒnster, Gesine GrĂ€fin zu MĂŒnster: Fototagebuch Band 1 – Aufenthalt in den Landschulheimen Schule am Meer auf Juist und in Marienau 1931–1937. Bei der Olympiade 1936, Berlin. FTB-Verlag, Hamburg 2015, ISBN 978-3-946144-00-7.
‱ Manfred Kappeler: Max Bondys Weg vom Freideutschen Jugendbund zum deutsch-nationalen PĂ€dagogen, in: Sabine Hering, Harald Lordick, Gerd Stecklina (Hrsg.): JĂŒdische Jugendbewegung und soziale Praxis, Fachhochschulverlag, Frankfurt am Main, 2017, ISBN 978-3-943787-77-1, S. 91–102.
‱ Anke Schulz: Luruper Immobilien der Erbengemeinschaft Salomon Bondys. Dokumente einer Enteignung im Nazi – Deutschland, BoD – books on demand, Norderstedt, 2013, ISBN 978-3-8482-6449-0.
‱ Eva Michaelis-Stern: Zum Gedenken an Gertrud Bondy, in: Wolf-Dieter Hasenclever (Hrsg.): PĂ€dagogik und Psychoanalyse, Peter Lang, Frankfurt am Main, 1990, ISBN 3-631-42995-9.

Weblinks

‱ Barbara Kersken: Archiv Schule Marienau auf Historische Bildungsforschung Online
‱ Jens Bergmann: Das Lebenswerk des Max Bondy

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Anke Schulz: Luruper Immobilien der Erbengemeinschaft Salomon Bondys, S. 13
cite-note-22. ↑ Peter Dudek: „Dass ich aus innerster Überzeugung meinen Weg ging.“ – Die Erinnerungen an die Freie Schulgemeinde Wickersdorf im Zuchthaustagebuch des KPD-Reichstagsabgeordneten Ernst Putz (1896–1933), in: BeitrĂ€ge zur Geschichte der Arbeiterbewegung (BzG), 3 (2011), S. 91–120, Zitatstelle: S. 99–100. Siehe auch: Peter Dudek: Wir wollen Krieger sein im Heere des Lichts – ReformpĂ€dagogische Landerziehungsheime im hessischen Hochwaldhausen 1912–1927, Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn, 2013, ISBN 978-3-7815-1804-9, S. 108, 114.
cite-note-33. ↑ Leonhard Rugel: Die höhere Schule des Ernst Putz im Sinntalhof. In: Jahresbericht des Franz-Miltenberger-Gymnasiums Bad BrĂŒckenau, 1987/88 (1988), S. 124–134.
cite-note-44. ↑ Hedwig Wallis: Die pĂ€dagogische Arbeit von Max und Gertrud Bondy aus der Perspektive einer AltschĂŒlerin. Vortrag anlĂ€sslich der 50-jĂ€hrigen Abiturfeier in Marienau am 21. Juni 1987. In: Marienauer Chronik. Heft 40, September 1987, S. 86–89.
cite-note-55. ↑ Eva Michaelis-Stern: Zum Gedenken an Gertrud Bondy, S. 22. Eva Michaelis Stern ist die Tochter von William Stern und war Praktikantin in Gandersheim.
cite-note-66. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 29
cite-note-77. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 32
cite-note-88. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 35
cite-note-99. ↑ Max Bondy, zitiert nach Manfred Kappeler: Max Bondys Weg vom Freideutschen Jugendbund zum deutsch-nationalen PĂ€dagogen, S. 97–98
cite-note-1010. ↑ Max Bondy, zitiert nach Manfred Kappeler: Max Bondys Weg vom Freideutschen Jugendbund zum deutsch-nationalen PĂ€dagogen, S. 98
cite-note-1111. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 35
cite-note-1212. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 34–35
cite-note-1313. ↑ Manfred Kappeler: Max Bondys Weg vom Freideutschen Jugendbund zum deutsch-nationalen PĂ€dagogen, S. 98
cite-note-1414. ↑ Manfred Kappeler: Max Bondys Weg vom Freideutschen Jugendbund zum deutsch-nationalen PĂ€dagogen, S. 99
cite-note-kappeler-99-1515. ↑ Max Bondy, zitiert nach Manfred Kappeler: Max Bondys Weg vom Freideutschen Jugendbund zum deutsch-nationalen PĂ€dagogen, S. 99
cite-note-1616. ↑ Max Bondy, zitiert nach Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 41–42
cite-note-kersken-42-1717. ↑ Max Bondy, zitiert nach Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 42
cite-note-1818. ↑ Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschĂ€digten Leben, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1970, S. 128
cite-note-kappeler-100-101-1919. ↑ Manfred Kappeler: Max Bondys Weg vom Freideutschen Jugendbund zum deutsch-nationalen PĂ€dagogen, S. 100–101
cite-note-2020. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 46
cite-note-2121. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 39
cite-note-2222. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 51
cite-note-kersken-52-53-2323. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 52–53
cite-note-stern-23-2424. ↑ Eva Michaelis-Stern: Zum Gedenken an Gertrud Bondy, S. 23
cite-note-kersken-54-55-2525. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 54–55
cite-note-2626. ↑ Gestapo-Bericht, zitiert nach Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 57
cite-note-2727. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 57–58
cite-note-2828. ↑ Manfred Kappeler: Max Bondys Weg vom Freideutschen Jugendbund zum deutsch-nationalen PĂ€dagogen, S. 101
cite-note-2929. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 59
cite-note-kesken-auf-hbo-3030. ↑ Barbara Kersken: Archiv Schule Marienau auf Historische Bildungsforschung Online
cite-note-kersken-61-3131. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 61
cite-note-3232. ↑ Zitiert nach Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 66
cite-note-3333. ↑ Max Bondy in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 26. Juni 2022.
cite-note-3434. ↑ Wolf-Dieter Hasenclever (Hrsg.): ReformpĂ€dagogik heute. Wege der Erziehung zum ökologischen Humanismus. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 1993.
cite-note-3535. ↑ Ehrenhard Skiera, zitiert nach Ulrike Köppchen: Die blinden Flecken der ReformpĂ€dagogik, in: Deutschlandfunk Kultur, Beitrag vom 11. Mai 2015
cite-note-3636. ↑ JĂŒrgen Oelkers: Was bleibt von der ReformpĂ€dagogik?, in: Frankfurter Allgemeine, aktualisierter Stand vom 16. MĂ€rz 2010
cite-note-3737. ↑ Carola Katharina Bauer: Die Ideologisierung des Ersten Weltkriegs. Über die ‚Sinnstiftung des Sinnlosen‘ in den Diskursen der Intellektuellen des Deutschen Kaiserreiches 1914 bis 1918
cite-note-3838. ↑ Max Bondy, zitiert nach Manfred Kappeler: Max Bondys Weg vom Freideutschen Jugendbund zum deutsch-nationalen PĂ€dagogen, S. 92
cite-note-3939. ↑ Manfred Kappeler: Max Bondys Weg vom Freideutschen Jugendbund zum deutsch-nationalen PĂ€dagogen, S. 94
cite-note-4040. ↑ Max Bondy, zitiert nach Manfred Kappeler: Max Bondys Weg vom Freideutschen Jugendbund zum deutsch-nationalen PĂ€dagogen, S. 96
cite-note-4141. ↑ Max Bondy, zitiert nach Manfred Kappeler: Max Bondys Weg vom Freideutschen Jugendbund zum deutsch-nationalen PĂ€dagogen, S. 96–98
cite-note-4242. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 19
cite-note-4343. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 20
cite-note-4444. ↑ George Roeper: Max und Gertrud Bondy grĂŒnden Marienau – die ersten Jahre. In: Marienau. FĂŒnfzig Jahre Landerziehungsheim 1929–1979. 1979, S. 10–19.
cite-note-4545. ↑ Max Bondy: „Ich muß mich dann immer damit beschĂ€ftigen, bis ich es Euch gesagt habe.“ Reden an junge Deutsche (1926–1947). Schule Marienau, Dahlem-Marienau 1998. Vgl. bes. die Morgensprache vom Oktober 1928, S. 48–52.
cite-note-kersken-22-4646. ↑ Max Bondy, zitiert nach Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 22
cite-note-4747. ↑ Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau, S. 22